Interview – Erol Bayram vor dem DRL-Finale

Interview mit unserem Freistil-Trainer Erol Bayram vor dem entscheidenden Final-Rückkampf am morgigen Samstagabend in Weingarten.

Hallo Erol, zunächst zu dir. Du erlebst nun dein zweites Finale als Trainer? Welchen Stellenwert hat dieser Titel für dich?

Erol Bayram (41): Als ich nach meiner aktiven Karriere vor acht Jahren als hauptverantwortlicher Trainer für den Freistilbereich angefangen habe, war mein absoluter Traum, einmal mit dem VfK im Finale um die Deutsche Mannschaftsmeisterschaft zu stehen. Das haben wir nun zum zweiten Mal erreicht. Dementsprechend sollte es jetzt schon der TItel sein.

Auch zu deiner aktiven Zeit hast du den DMM-Titel um Haaresbreite verpasst. Sind die Erinnerungen noch präsent?

Das ist korrekt, als Ringer ist mir dieser Erfolg leider ebenso verwehrt geblieben wie bisher als Trainer. Wir standen in der Saison 99/2000 zwar im Finale um die DMM, mussten gegen Aalen allerdings den Kürzeren ziehen. Umso größer ist jetzt der Ansporn, mit meinem Heimatverein endlich diesen Triumph zu feiern.

Blicken wir nochmal zurück auf das vergangene Wochenende. Hattest du damit gerechnet, dass es letztlich so deutlich werden kann?

Ich rechne im Vorfeld immer wieder hin und her. Dabei bin ich in der Regel eher etwas pessimistisch. Zwei bis drei Punkte Differenz wären letztlich völlig akzeptabel gewesen. Acht Punkte waren hingegen Wunschvorstellung und definitiv nicht zu kalkulieren. Der Vorsprung liest sich nun auf den ersten Blick einigermaßen beruhigend. Tatsächlich ist aber genau das Gegenteil der Fall. Ich bin wesentlich nervöser als noch vergangene Woche und würde am liebsten sofort ringen.

Wir haben im Vorfeld von Schlüssel-Paarungen gesprochen, die dein Trainerkollege für jeden einzelnen Kampf prognostiziert hat. Was war letztlich ausschlaggebend?

Der mit Spannung erwartete Kampf zwischen Alejandro Valdes und Bajrang Punia war im Endeffekt entscheidend, klar. Da haben wir zwar gehofft, dass Baji ein bis zwei Zähler holt, aber konnten auch nicht ausschließen, dass es in die andere Richtung läuft. Der Überlegenheitssieg war dann einfach phänomenal. Zusätzlich hat uns der gute Start mit dem Vangelov-Sieg geholfen. Wenn du mit zwei Niederlagen startest, wird es immer schwierig. So war der Grundstein gelegt, auch hinsichtlich der Motivation für alle weiteren Athleten. Dass Ramaz Zoidze und Sanal Semenov dann ebenfalls zwei weitere Vierer holen, haben wir zwar schon für möglich gehalten, ist gegen diese Gegner allerdings auch nicht selbstverständlich.

Du hast das Thema angerissen, welches derzeit alle Vfk’ler elektrisiert: Bajrang Punia. Erläutere kurz die Planungen dahingehend. Wie hat sich der Einsatz realisieren lassen?

Dessen Einsatz war eigentlich schon für das Halfbinale gegen Nendingen geplant. Das hat wegen der Vorbereitung auf die indische Liga allerdings nicht funktioniert. So haben wir es verschoben und uns frühzeitig auf die beiden Finalkämpfe geeinigt. Hilfreich war natürlich der gute Kontakt zu Shako Bentinidis, der als Trainer in Indien fungiert. Bajrang ist so etwas wie Shakos Musterschüler, dementsprechend konnten wir uns auch darauf verlassen, dass er kommen würde, wenn Shako uns das versichert. Endgültig wussten wir allerdings erst am Mittwoch Bescheid, nachdem das Visum da war.
Auf diesem Wege möchte ich auch Shako nochmal danken, dass alles so reibungslos geklappt hat. Wir waren ja ehemalige Trainingspartner und hatten schon damals ein sehr gutes Verhältnis. Der Kontakt ist auch nie abgerissen, was sich nun auf diese Weise ausgezahlt hat.

Wie hast du das Umfeld im Laufe der Woche wahrgenommen. Konntest du dich vor Rückmeldungen überhaupt retten?

Das war schon enorm. Das gesamte Umfeld rund um Schifferstadt ist elektrisiert und euphorisch wie lange nicht. Vor allem freut mich jedoch der Zusammenhalt innerhalb des Teams. Etliche Athleten, die im ersten Kampf nicht zum Einsatz kamen, haben sich sofort informiert, wie der Kampf verlaufen ist und ihren Teamkollegen gratuliert. Es standen ja tatsächlich harte Entscheidungen an. Beispielsweise musste Murshid Mutalimov, der wirklich eine tolle Saison gerungen hat, für Bajrang Punia weichen. Es gab allerdings keinerlei Groll, sondern vollstes Verständnis. Das macht einen dann schon ein bisschen stolz.
Auch alte Kollegen oder ehemalige Sportler haben sich noch im Laufe des Samstagabends erkundigt. Zum Beispiel Miroslav Kirov, der ja fünf Jahre unser Trikot trug und nun in Köllerbach an den Start geht. Das freut mich natürlich unheimlich, wenn ich merke, dass die Bindung zum Verein nicht abreißt, auch wenn man sportlich nicht mehr zusammenarbeitet. Das ist auch etwas die Bestätigung unserer Arbeit.

Lassen wir die Runde etwas Revue passieren. Markus Scherer hat bereits für seinen Greco-Bereich geantwortet. Wer ist für dich die Überraschung respektive der Gewinner der Saison im Freistil-Stall?

Ohne die Leistung aller anderen Athleten herabzuwürdigen, ganz klar Georgi Vangelov. Er hat eine wirklich überzeugende Runde absolviert, die so unbedingt nicht zu erwarten war. Er stand ja bereits vor zwei Jahren in unserem Kader, erlitt dann leider eine schwere Knieverletzung und ist seit seinem dritten Platz bei der EM 2016 bis heute international kaum mehr in Erscheinung getreten. Das war schon ein kleines Wagnis, aber er hat vollends überzeugt. Darüber hinaus ist Georgi ein wahnsinnig angenehmer Mensch, der mit seiner Art auch hervorragend beim Publikum ankommt.

Bleiben wir beim Personal. Mit Daniel Ligeti und Patryk Dublinowski werden sich zwei Athleten zur kommenden Saison in Richtung Bundesliga verabschieden. Warst du dahingehend eingebunden und wie verbleibt man?

Die Gespräche waren mit beiden ganz offen und ehrlich. Beide mussten der Leistungsstärke der Liga in diesem Jahr leider etwas Tribut zollen und wollten sich deshalb umorientieren. Wir hätten sowohl Patryk als auch Daniel sicherlich gerne gehalten, weil sie sich in der Vergangenheit auch immer sehr loyal verhalten haben und auf der Matte immer alles gegeben haben. Man geht in beiden Fällen definitiv im Guten auseinander.

Nun zum morgigen Samstag. Es sind nun acht Punkte Vorsprung. Wie gefährlich ist das Ergebnis?

Es kann im Ringen so schnell gehen, entschieden ist da noch gar nichts. Ein unachtsamer Moment und auch ein Favorit kann mal auf den Schultern liegen. Dann sind die acht Punkte sofort verpufft. Wir haben im Verlauf der Woche in allen Gesprächen immer wieder betont, was wir verbessern müssen, um in jedem einzelnen Kampf das Beste rauszuholen. Wir haben uns vorgenommen mit jener Einstellung in den Kampf zu gehen, als müssten wir einen Rückstand aufholen. Verwalten ist keine Option, Leichtsinn nicht erlaubt. Es wäre fatal diesen Vorsprung noch aus der Hand zu geben, also brauchen wir die maximale Konzentration.

Wir haben Bajrang thematisiert. Die Überraschung schlechthin im Hinkampf. Dürfen wir im Rückkampf mit einer weiteren personellen Überraschung rechnen beziehungsweise rechnest du mit Veränderungen auf SVG-Seite?

Wir wollen grundsätzlich denjenigen vertrauen, die das Finale auch realisiert haben. Ich will aber zum jetzigen Zeitpunkt auch noch nichts ausschließen. Wir versuchen weiterhin, das Maximale aus unseren Möglichkeiten rauszuholen.
Was die Germanen machen, können wir natürlich nicht beeinflussen. Durch die Beschränkung von maximal sieben N-Sportlern und dem eher kleinen Kader, versuchen wir schon zu deuten, wie der Gegner stellt. Sie werden uns definitiv alles entgegensetzen, dementsprechend müssen wir den Fokus auf uns richten. Wenn wir unser Leistungsmaximum abrufen, sind die Chancen nicht ganz so gering, dass es mit dem Titel klappt.

Zum Abschluss darfst du dir noch etwas wünschen. Was erhoffst du dir für das entscheidende Duell am Samstag?

Ich wünsch mir zunächst einen fairen Wettkampf, dass beide Teams komplett stehen und ihre besten Athleten zur Verfügung haben. Das haben die treuen Zuschauer der DRL verdient. Schlussendlich wollen wir natürlich den Pokal. Nach vielen mageren Jahren ist es zwar schon schön, überhaupt im Finale zu stehen, doch jetzt sind wir dran. Ich freue mich auf eine unglaubliche Atmosphäre in der deutschen Ringerhochburg des letzten Jahrzehnts. Dort den Titel zu holen, das wäre ein Ausrufezeichen!

Wir bedanken uns bei Erol Bayram für das ausführliche Interview und hoffen auf einen erfolgreichen Final-Rückkampf am morgigen Samstagabend, 19.30 Uhr, in Weingarten.

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